Wenn die Steuern ausbleiben – Teilnehmer der Kinderstadt bei der AWO Offenbach lernen, wie ein Gemeinwesen funktioniert

Wer in der Ferienzeit das Gelände der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Hainbachtal betritt, verlässt Offenbach. „Kalawopolis“ zeigt das Ortsschild an, Offenbach ist darunter durchgestrichen. In der Kinderstadt ist Erwachsenen der Zutritt nur ausnahmsweise gestattet, und wenn, dann vor allem den Betreuern des Vereins Kaleidoskop, der Offenbacher Kindern zusammen mit der AWO und der Stadt bereits zum fünften Mal dieses Angebot in den Sommerferien macht. Betritt man als über 18-Jähriger dennoch das Gelände, kann es schnell passieren, dass man von mutigen und misstrauischen Kindern gefragt wird, was man denn hier wolle. Es seien doch nur Kinder auf dem Gelände erlaubt. In der Kinderstadt ist vieles so, wie man es von einer richtigen kennt. Nur eines ist ganz anders: Firmen, Stadtverwaltung und Freizeitangebote werden von Kindern gemanagt. Rund 350 teilnehmende Jungbürger übernehmen unter der Aufsicht von geschulten Mitarbeitern die Leitung und organisieren sich in Betrieben. In den sechs Ferienwochen werden insgesamt über 700 Betreuungswochen angeboten. „Jede Woche nehmen ungefähr 100 bis 150 Kinder an diesem Programm teil“, berichtet Sebastian Platt von der Bereichsleitung Ferienspiele des Vereins Kaleidoskop. Die Kinder und Jugendlichen arbeiten in Betrieben und „Institutionen“ und bekommen am Ende des Arbeitstages ihren Lohn. Natürlich nicht in Euros, sondern in „Kalawos“, der stadteigenen Währung. “Arbeiter“ und „Urlauber“ verdienen einen von den beiden Bürgermeistern festgelegten Stundensatz und mit diesem Geld können sie sich dann Essen oder Snacks kaufen oder eine Fahrt mit dem Bollerwagen unternehmen. Frühstück, Mittagessen und ein Snack gibt es natürlich für alle Kinder und wird von der AWO gestellt, doch „wenn es Spinat als Beilage gibt, ist der Andrang auf das eigene von Kindern betriebene Restaurant sehr groß“, berichtet eine Betreuerin. Es bietet zum Beispiel frisch gemachte, köstliche Waffeln an. Kalawopolis ist eine Stadt, in der alle gleich sind. Migrationshintergrund, sozialer Status oder geistige oder körperliche Behinderung sind Ausdrücke, die, sobald man die „Stadtgrenze“ überschritten hat, keine Bedeutung mehr haben sollen.

Alle Kinder dürfen alles machen. „Das Projekt setzt ganz selbstverständlich auf Inklusion“, so Sebastian Platt. Die Kinder sollen lernen, dass Behinderungen oder andere gesellschaftliche Hintergründe normal sind. Körperlich oder geistig behinderte Teilnehmer haben dennoch einen Betreuer, der sie den ganzen Tag über begleitet, und einen speziellen Ruheraum, in den sie sich zurückziehen können. Wer einen Job sucht, meldet sich am Tagesanfang in der Stadtverwaltung an. Stellen gibt es in verschiedenen Berufssparten: Die Stadt hat ein eigenes Postamt, eine Verwaltung, eine Werkstadt, eine Bank, einen Supermarkt, ein Medienzentrum und sogar eine Spedition, die alle anderen Betriebe mit allem versorgt, was sie benötigen. Wer allerdings nicht arbeiten will, darf durch Steuergeld finanzierten Urlaub nehmen. „Nicht unbedingt ein Modell für die Realität“, wie Sebastian Platt betont. Die Steuern jedoch setzen sich wie sonst auch zusammen: Es gibt eine Grundsteuer von zwei Kalawos, die jeder zahlen muss. „Eine Stadt funktioniert eben nur, wenn Steuern gezahlt werden.“

Die Bürger, die in der stadteigenen Verwaltung oder dem Postamt arbeiten, werden durch diese Steuer bezahlt – auch der bezahlte Urlaub auf diese Weise finanziert. „Die Kinder lernen so, dass bestimmte Dienste in einer Stadt, die auf den ersten Blick nichts kosten, dennoch irgendwie bezahlt werden müssen.“ Umgekehrt gab es schon öfter den Fall, dass ein Bürgermeister in seinem Wahlprogramm die Abschaffung der Steuern versprach. Er wurde mit sehr großer Zustimmung gewählt und die Bürger daraufhin von der Steuerzahlung befreit. Doch als sie sich am nächsten Tag bei der Verwaltung einfanden, um sich für einen Job zu melden, standen sie vor verschlossenen Türen. Die Mitarbeiter der Verwaltung werden aus Steuergeldern bezahlt. Gibt es keine Steuergelder, dann gibt es auch keine Verwaltungsangestellten und folglich keine Jobs. „Für die Kinder war dies eine interessante Erfahrung“, so Sebastian Platt. Die Bürgermeister mussten sich bei der Bank Geld leihen, damit die Leute wieder Jobs erhalten konnten. Politik gehört zu den Erfahrungen, die die Kinder in der Kalawopolis mit nach Hause nehmen sollen. Die selbstorganisierte Stadt wählt ihren Bürgermeister durch das „Applausometer“. Gewählt wird die- oder derjenige, der den lautesten und am meisten Applaus aller Bürger der Kinderstadt erhält. Die Kandidaten stellen sich selbst mit einem Wahlprogramm vor. Forderungen wie Steuerfreiheit haben große Chancen, auf Zustimmung zu stoßen.

Der gewählte Bürgermeister hat dann die Aufgabe, sich um das Wohl seiner Bürger zu kümmern und das Leben in Kalawopolis durch neue Regeln zu verbessern. Abwechslung bereiten den Teilnehmern Ausflüge und freie Tage, an denen nicht nur „gearbeitet“ wird. Stattdessen schaut die Rettungshundestaffel der Feuerwehr vorbei, die Polizei stellt sich vor oder ein Vogelkenner bringt Eulen zum Anfassen und Bestaunen mit. Ziel des Ferienprogramms ist es, den daheimgebliebenen Kindern in den Ferien ein Umfeld im Grünen zu bieten. Hierfür holen die AWO und Kaleidoskop e. V. die Teilnehmer mit drei Bussen an insgesamt 30 verschiedenen Stationen in Offenbach ab und bringen sie dort auch zurück. Betreut werden jeweils zehn Kinder von einer erwachsenen Person. „Die Betreuer wissen durch die Verwaltung, die der Nachwuchs selbst betreibt auch immer, wo sich alle auf dem doch recht großen Gelände aufhalten“, sagt Sebastian Platt. „Dies gibt den Eltern Sicherheit und macht diese Kinderstadt attraktiv. Für Kinder unter sechs Jahren bieten wir unseren „Kindergarten“ an, eine geschlossene Gruppenbetreuung die den Bedürfnissen der jüngsten gerecht wird“ Verlässt man das Gelände und diese kleine utopische Kinderkommune, wünscht manch Elternteil sich, wieder ein Kind zu sein. Hier in der Kalawopolis funktioniert das Zusammenleben meist ohne Probleme.

Kalawopolis 1Kalawopolisa3Kalawopolis2 Jeder hält die Regeln ein, schätzt und respektiert den Anderen und alle arbeiten daran, dass das auch so bleibt. „Arbeiten“, bezahlter „Urlaub“, wöchentliche Ausflüge und vor allem Spaß und Abwechslung vom echten Leben stehen hier an erster Stelle. (hlwa) Fotos: Kaleidoskop e. V.

 

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