Inklusion

Cornelia Bachmann

von Cornelia Bachmann,

49 Jahre, drei Kinder, zwei Enkelkinder: Ich bin eine Piratin in Offenbach, wohne seit einiger Zeit in Tempelsee und arbeite seit mehreren Jahren im Pflegeheim als Betreuerin für Demenzkranke und zusätzlich im Sozialdienst. Seit 2017 arbeite ich in den Herbstferien auch in einer Einrichtung in Hamburg für 100 Kinder. Wir machen eine ganze Woche lang Ferienprogramm, immer mit verschiedenen Themen. In diesem Jahr ist es 1001 Nacht. Ich liebe meine Arbeit und möchte mich gemeinsam mit den Piraten für die Pflege stark machen. Ein Thema, das ich auch wichtig finde, ist Inklusion.

Heute möchte ich über Inklusion sprechen. Die wenigsten Menschen haben sich damit intensiver beschäftigt, und daher wissen sie nicht genau, was Inklusion bedeutet. Inklusion heißt, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört, egal wie du aussiehst, welche Sprache du sprichst oder ob du eine Behinderung hast. Jeder kann mitmachen. Kinder mit und ohne Behinderung können zusammen spielen und lernen.

Früher war das anders: Alles, was nicht der Norm entsprochen hat, wurde weggesperrt. Früher wurden Kinder einfach in eine Schule für geistig Behinderte gesteckt, dagegen könnten sie heute mit den Kindern ohne Behinderung eine Schule besuchen und dort nach ihrem eigenen Tempo lernen.

Auch, wenn heute darauf zwar etwas mehr Rücksicht genommen wird, ist es aber immer noch zu wenig. Wir müssen alle bei uns selbst anfangen. Erst, wenn man einen Menschen so akzeptiert, wie er ist, nimmt man ihn auch als Teil unserer Gesellschaft wahr.

Ich bin in den 70er Jahren aufgewachsen, und damals wurde schon in den USA für eine volle gesellschaftliche Teilhabe aller gekämpft. In Italien gibt es seit 35 Jahren Schulen für alle. Aber bei uns war es viel rückständiger. Ich erschrecke immer, wenn ich an Menschen denke, bei denen es bis heute noch nicht angekommen ist, alle teilhaben zu lassen.

Ich kenne eine Familie, in der mehrere Geschwister gemobbt wurden. Sogar die Direktorin der Schule hat mitgemacht und mit der Begründung, sie seien alle zu „blöd“, dafür gesorgt, dass sie in eine Schule für Lernbehinderte gesteckt wurden. Die Leute müssen lernen, ihre Mitmenschen anzunehmen und nicht zu verachten. Diese Kinder waren nämlich sehr liebenswert, genauso wie andere. Eins dieser Kinder, das inzwischen schon längst erwachsen ist, hatte einen schweren Unfall, wodurch es geistig beeinträchtigt war. Aber es ist ein fröhlicher Mensch und genießt das Leben. Das andere Mädchen hatte eine körperliche Behinderung, aber als es älter war, hat es sich um querschnittsgelähmte Menschen im Rollstuhl gekümmert. Ich kenne auch einen Mann, der schon als Baby eine Behinderung hatte und dem die Ärzte gerade mal 20 Jahre gegeben hatten. Aber heute, mit 45, arbeitet er als Gärtner, zwar nicht wie ein gesunder Mensch, aber er geht gern arbeiten und ist sehr glücklich damit.

Ich denke oft an diese Kinder und Leute. Sie gehören zu den liebenswertesten Menschen, die ich kenne. Klar, auch unter Behinderten gibt es mal Streit, aber sie können auch lieben und zeigen es nicht nur in Worten, sondern auch im Tun und Handeln.

Deshalb nochmal die Bitte: Nehmt jeden so an wie er ist. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussieht. Jedem kann jederzeit etwas passieren, und von heute auf morgen können wir durch einen Unfall querschnittsgelähmt sein! Dann werden wir froh sein, wenn wir Menschen an unserer Seite haben, die uns so nehmen wie wir sind.

Ich habe neulich eine tolle Dokumentation über Inklusion und das Down-Syndrom (2019) gesehen. Sie hieß: „Ich bin besonders – Mein Leben mit dem Down-Syndrom“. Durch diesen Film habe ich wieder gesehen, dass die Politik in anderen Ländern viel weiter ist als in Deutschland. Wir müssen da noch viel mehr unternehmen. Ich weiß noch, wie meine Oma irgendwann mal erzählt hat, dass besondere Menschen zu ihrer Zeit kein Recht auf Leben hatten. Und sie meinte, dass die Zeit jetzt besser ist. Ja, wir haben schon viel geschafft, aber es muss noch viel mehr getan werden!

Wahlplakat für die Bundestagswahl 2021

Wie können wir Inklusion leben?

Als ich Kind war, wussten viele nichts darüber. Besondere Kinder haben sich teilweise geschämt, und andere haben sie ausgegrenzt. Aber die Besonderheit ist nicht die Schuld der Kinder oder ihrer Eltern!

Inklusion funktioniert, wenn sie im Alltag gelebt wird, am Arbeitsplatz, in der Schule, beim Sport oder im Kulturbetrieb. Nur dann wird gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen zu einer natürlichen Realität.

Im Alltag können Kinder erfahren, was miteinander möglich ist und was einzelne brauchen. Alle Kinder sollen lernen, dass es normal ist, verschieden zu sein. Inklusion ist ein ganzheitlicher Prozess, um die Teilhabe aller Menschen möglich zu machen. Und dafür muss es Bedingungen in allen Lebensbereichen geben, also auch in der Freizeit, bei der Arbeit, in den Schulen, in der Nachbarschaft und vielen weiteren Bereichen. Inklusion betrifft jeden von uns.

Aus dem Wahlprogramm der PIRATEN zum Thema Inklusion:

Verrückt ist auch normal
Das Ziel der politischen Arbeit der PIRATEN ist eine größtmögliche Inklusion aller Menschen. Um dieses Ziel zu erreichen, beziehen wir die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung in unser Programm mit ein. Wir PIRATEN fordern den zielgerichteten und zeitnahen Ausbau der gemeindenahen psychiatrischen Versorgung, eine inklusive Arbeitsmarktpolitik für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sowie eine deutliche Verbesserung der rechtlichen Situation von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.

Gesundheitliche Bildung
Es besteht wissenschaftliche Einigkeit, dass Bildung und Umweltfaktoren große Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen haben. Wir setzen uns für die Erprobung eines Faches „Gesundheitsbildung“ in Schulen ein, das vermittelt, welche Faktoren sich positiv und negativ auf Gesundheit auswirken und wie man sie erhalten kann. Die Finanzierung des Faches soll als Teil einer Präventionsstrategie aus der gesetzlichen Krankenversicherung erfolgen. Neben der schulischen Bildung sehen wir die Notwendigkeit einer umfassenden gesundheitlichen Aufklärung als nächsten Schritt einer sozialen Inklusion von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. In den Fokus der Aufklärung sollen vor allem jene Krankheits- und Störungsbilder sowie Behinderungen gerückt werden, die häufig von Vorurteilen und Ausgrenzungen betroffen sind. Wir PIRATEN sehen hier vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in der Pflicht, aber auch die privaten Sendeanstalten, Print- und Onlinemedien, ihren gesellschaftlichen Beitrag für eine wirksame gesundheitliche Aufklärung zu leisten. Besonderes Augenmerk sollte dabei auf die Vermittlung der Botschaft liegen, dass Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sind.

Finanzierung
Die Finanzierung des Gesundheitssystems betrachten wir als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Daher sehen wir in der Einbeziehung sämtlicher Bürgerinnen und Bürger in die Sozialversicherung unter Berücksichtigung möglichst aller Einkommensarten ein sinnvolles Modell zur Finanzierung dieses Systems. Wir erkennen allerdings die Einschränkungen der Wahlfreiheit in dieser Art der Finanzierung für Bürgerinnen und Bürger sowie die Anbieter privater Krankenversicherungen an und verstehen ihre Bedenken. Daher setzen wir uns für einen Volksentscheid ein, um einen gesellschaftlichen Konsens in dieser wichtigen Frage des gemeinschaftlichen Zusammenlebens zu erreichen.

Pflege in Zeiten von Corona

Cornelia Bachmann

von Cornelia Bachmann,

49 Jahre, drei Kinder, zwei Enkelkinder: Ich bin eine Piratin in Offenbach, wohne seit einiger Zeit in Tempelsee und arbeite seit mehreren Jahren im Pflegeheim als Betreuerin für Demenzkranke und zusätzlich im Sozialdienst. Seit 2017 arbeite ich in den Herbstferien auch in einer Einrichtung in Hamburg für 100 Kinder. Wir machen eine ganze Woche lang Ferienprogramm, immer mit verschiedenen Themen. In diesem Jahr ist es 1001 Nacht. Ich liebe meine Arbeit und möchte mich gemeinsam mit den Piraten für die Pflege stark machen. Damit wir das erreichen, was den Menschen in der Pflege zusteht!

Pflege ist nicht nur Pflege, es ist die Arbeit mit Menschen, solche der zwischenmenschlichen Beziehung und des gütigen Herzens. Jede/r, der und die sich in dieser Arbeit engagiert – ob in der Altenpflege, in der Fürsorge für behinderte Menschen, in der Hilfe für Kinder oder kranke Menschen – tut etwas für die Gesellschaft!

Es geschieht erst seit Corona, dass die Politik die Arbeit der Pflege thematisiert und die Menschen jetzt unterstützen will. Was war vor Corona? Da hat man nicht an die Pflegearbeit gedacht, weder an die in den Krankenhäusern noch an die in Altenpflegeheimen. Ich kann mich noch daran erinnern, als sei es erst gestern gewesen, dass der Gesundheitsminister für die Unterstützung der Pflege das Wort ergriffen und gesagt hat, dass sich hier etwas ändern müsse. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Und es hat sich immer noch viel zu wenig verändert. Wir haben mit dem Respekt der ganzen Welt auf unserer Seite etwas Positives erfahren, am Anfang war es der Applaus, mittlerweile wurde unser Tarifvertrag in kleinen Schritten verändert, wir haben auch eine Pauschale für unsere Mehrarbeit in der Corona-Zeit bekommen. Im Moment wird sogar über ein Gesetz beraten, das die Arbeit in der Pflege etwas erleichtern soll. Wir dürfen gespannt sein. Was uns außerdem geholfen hat, war die Einführung des § 150a Sozialgesetzbuch (SGB XI): Sonderleistungen während der Coronavirus-SARS-CoV-2-Pandemie.

Wie schwierig und belastend die Zeiten aber für alle Betroffenen waren, kann man sich kaum vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat. Allein schon die Ausgangssperre in den Pflegeeinrichtungen – es durften ja kaum noch Angehörige zu Besuch kommen, weil man die Bewohner/innen schützen wollte – war sehr belastend. Das Leben war nicht mehr dasselbe! Unser Leben in der Pflege und Betreuung wurde immer komplizierter.

Die Hilfsmittel, die der Staat versprochen hatte, kamen nur schleppend an. Wir mussten unsere Masken sieben Tage lang tragen, weil wir nicht genügend hatten. Auch Desinfektionsmittel war nur sehr wenig vorhanden, und das Toilettenpapier wurde knapp, weil keines geliefert wurde. Die Lager waren leer. Mit unseren Bewohner/innen haben wir uns in einer Kreativ-Stunde hingesetzt und Toilettenpapier aus alten Zeitungen hergestellt; bei so einer Vorstellung muss man fast schmunzeln. Masken wurden sogar auf dem Schwarzmarkt gekauft, weil es im Handel keine mehr gab und wenn es doch welche gab, dann nur zu überteuerten Preisen. Das alles erinnert an Berichte aus einem Krieg und Erzählungen von der Nachkriegszeit. So kam uns die Situation vor! Die Einrichtungen brauchten dringend die versprochenen Schnelltests, aber wieder mussten wir lange darauf warten. Ihr müsst euch vorstellen, dass nur ein Teil von dem stimmt, was in den Medien erzählt wurde – tatsächlich haben wir die Tests ungefähr zwei Monate später bekommen und dann dauerte es noch einmal lange, bis geklärt war, wie sie in den einzelnen Pflegeeinrichtungen eingesetzt werden sollten. Auf die Gesetze konnte man sich nicht verlassen, weil sie täglich geändert wurden, aber auf uns musste man sich natürlich trotzdem verlassen können. Es gab einen Krisenstab, der sich täglich getroffen hat, um die Arbeit an die Forderungen der Regierung anzupassen. Da war der § 150 Absatz 3 Sozialgesetzbuch (SGB XI) ein echter Glücksfall, somit konnten wir fehlendes Personal einstellen. Nun konnten neue Helfer kompensieren, was für die Pflege allein nicht mehr zu schaffen war. Darüber sind wir sehr froh!

Gleichzeitig gab es in dieser sehr schwierigen Situation auch positive Dinge: Es wurden für Bewohner/innen Konzerte von Ehrenamtlichen und Kindern im Garten gehalten. Es gab Clowns, die vorbeikamen und unsere Bewohner/innen zum Lachen brachten. Gottesdienste wurden von allen kirchlichen Organisationen gehalten, Vereine haben Blumen für die Bewohner/innen und was Süßes für die Nerven der Angestellten vorbeigebracht und wir waren die ersten, die geimpft wurden. Mit unseren Bewohner/innen haben wir möglichst viele Feste im Garten gefeiert, einige Angebote waren zum Beispiel Spanischer Nachmittag, Modenschau, Olympiade, Geburtstagspartys, Frühschoppen und noch vieles mehr. Hauptsache, die Bewohner/innen waren glücklich! Allen, die das möglich gemacht haben (Gesundheitsamt, Bundeswehr und Ehrenamtliche), nochmals meinen herzlichsten Dank für ihr Engagement für solche Aktionen!

Viel zu kurz kamen in dieser Zeit trotzdem die Bewohner/innen, die gezwungen waren, allein zu bleiben und sehr vereinsamt sind! Zu wenig Besuch, keine Gruppenarbeit, keine Treffen mit anderen Bewohner/innen, einfach nur alleine auf dem Zimmer, das ist für niemanden gut. Zu dieser Zeit gab es zwar eine Eins-Zu-Eins-Betreuung, aber die Zeit, die jedem Bewohner gewidmet werden konnte, war viel zu kurz. Diese ständige Einsamkeit ist nichts, man verliert die Realität aus den Augen. Alle hatten Angst: ob Bewohner/innen oder Angehörige und auch wir Angestellte!

Als langjährige Kraft in der Pflege würde ich sagen, die Bewohner/innen sind nicht nur an ihren Krankheiten verstorben, nein, sondern auch, weil sie einsam waren. Wir merken das ja selbst. Viele Menschen kennen das Gefühl, wenn man an der Einsamkeit verzweifelt! Auch wenn wir versucht haben, den Pflegebedürftigen das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, bringt es nicht die Fülle der Menschen ins Haus, so wie es früher war.

Alle Maßnahmen, die wir in dieser Zeit getroffen haben, waren sinnvoll und sehr streng, aber ohne diese Maßnahmen hätten wir noch mehr Bewohner/innen verloren. Obwohl die Häuser jetzt wieder offen für Besucher sind, wird immer noch engmaschig getestet, Temperatur gemessen und werden Listen über Besucher geführt. Also, Sie sehen, alles wird getan, um die Bewohner/innen zu schützen.

Jetzt sind wir natürlich froh und glücklich, dass sich so langsam alles wieder normalisiert! Doch der Stress in der Pflege bleibt. Manche haben gekündigt, einige sind in den Vorruhestand gegangen und manche machen zwar ihre Ausbildung fertig, wollen aber gar nicht mehr in diesem Beruf arbeiten. Viele von ihnen fingen mit der Pflege ausgerechnet in der Corona-Zeit an und erlebten viel schwierigere und härtere Arbeit, als sie sie sich vorgestellt hatten – sie stießen an ihre Grenzen und Ängste. Nach wie vor ist es immer noch so, dass die Arbeit der Pflege zu wenig honoriert wird! Die Arbeit in der Pflege kann man mit keiner anderen vergleichen. Es gibt vieles was dafür spricht und vieles dagegen, solche Verantwortung zu übernehmen. Auf jeden Fall wird sie dringend gebraucht, ständig, denn jeder Mensch kann irgendwann pflegebedürftig werden! Wenn man das Herz am rechten Fleck trägt und sehr viel Empathie hat, ist es der richtige Job!

Und nun, wie geht es nach Corona weiter? Es hilft in der Pflege sehr, wenn die Angehörigen uns vertrauen. Auch müssen die Politik sowie die Gewerkschaften weiter für uns kämpfen. Wir wollen weiterhin Seite an Seite mit den Behörden und Ämtern arbeiten.

Was ich mir wünsche? Dass wir besser auf uns achten und gesund bleiben!

Was ich mir von der Politik wünsche? Dass sie mehr für die Pflege da ist und dass die Arbeit mehr entlohnt wird, dass der Beruf attraktiver wird!

Kommentar der Piraten Offenbach:
Pflege ist ein Thema in der Politik, das seit Jahren sträflich vernachlässigt wird. Pflegekräfte werden zu schlecht bezahlt und nicht genug wertgeschätzt. Und so bleibt dieser Beruf unattraktiv.

Nur ein Beispiel: Im Januar 2021, mitten in der Pandemie, wollte die Sana-Klinik den Pflegekräften die Zulage kürzen! Siehe hierzu unseren Kommentar

Wir PIRATEN wollen die Pflegesituation refomieren und verbessern. In unserem Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2021 heißt es:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Für Pflegebedürftige, private Pflegepersonen und berufliche Pflegekräfte scheint der Artikel 1 des Grundgesetzes aber nicht zu gelten. Wer heute pflegebedürftig ist oder Menschen pflegt, findet sich in einem kranken System wieder, bei dem – wieder einmal – die Wirtschaftsinteressen einen höheren Stellenwert genießen, als die Interessen der Patienten und Pflegekräfte. Diese Situation wollen die PIRATEN ändern.“

Das Programm umfasst Reformvorschläge zu Heimgesetzen, Verringerung von Verwaltungsaufwand und Bürokratie, Soziale Absicherung von privaten Pflegepersonen, Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte, einen wissenschaftlich fundierten Personalschlüssel, Schutz der Fachkräfte und Rechte der zu pflegenden.

(Aus dem Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2021)

Wie die Sana-Klinik die Mohrrübe zweimal verfüttert!

Helge Herget, Karlheinz Zoth und Annette Schaper-Herget

Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass die Sana-Klinik ihren Intensivpflegekräften die Zulage streichen will. Zur Begründung hieß es, dass es ja nur eine freiwillige Zulage gewesen sei, die jetzt stattdessen tariflich abgesichert sei [Offenbach-Post 09.01.2021]. Die Pflegekräfte sind empört, hier ein Zitat aus einem Artikel der OF-Post: „Das Geld, das wir beim Streik erstritten haben, wird uns nun an anderer Stelle gekürzt“ [Offenbach-Post 25.09.2020]. Sie stehen unter hohem Druck und schreiben täglich Überlastungsanzeigen, weil sie in diesen Pandemiezeiten an ihre Grenzen gekommen sind.

Nun hat unsere Heimatzeitung auch viele Parteien nach ihrer Meinung gefragt. [Offenbach-Post 13.01.2021] Wir PIRATEN nehmen dazu deshalb auch gerne Stellung:

Helge Herget, 1. Vorsitzender des Kreisverbands Offenbach der Piratenpartei, meint:

„Nach Jahrzehnten der Berufstätigkeit in der freien Wirtschaft habe ich schon viele Varianten erlebt, wie Tarife und übertarifliche Leistungen gegeneinander verrechnet wurden. Dabei hofft man, dass die Betroffenen den „Schock“ schnell verdauen. Später kann man sie ja wieder mit einer außertariflichen Zulage zu anderen Zugeständnissen verlocken.“

Die CDU wird in dem Zeitungsartikel mit „Verwunderung über den Zeitpunkt der Kürzung“ zitiert: „Gerade jetzt … sollte Wertschätzung … zuteilwerden“. Auch die Grünen kritisieren das „… gerade jetzt …“

Aber es geht nicht nur um den Zeitpunkt, es geht vielmehr um diese Methode! Eine freiwillige Zulage wird mit einer tariflichen Gehaltserhöhung verrechnet, das Unternehmen zieht so seine freiwillige Leistung zurück und zahlt nur das, was es nach Tarif zahlen muss. So kann man natürlich sparen!

Wertschätzung und Anerkennung haben die Pflegekräfte eben nicht nur jetzt verdient, sondern auch schon vor und nach der Krise. Es war schon lange bekannt, dass wir einen Pflegenotstand haben, der sich auf schlechte Bezahlung, harte Arbeit, viele Überstunden und Personalmangel zurückführen lässt. Wertschätzung drückt sich eben nicht nur in Applaus aus, sondern auch durch angemessene Gehälter. Gewinnmaximierung und Sparmaßnahmen auf Kosten der Mitarbeiter können in diesen Zeiten nur auf Unverständnis stoßen.

Das Problem hängt auch mit der Privatisierung zusammen. Vor einigen Jahren hat die Stadt das Stadtkrankenhaus verkauft [Krankenhausraub]. Wir Piraten hielten das für Irrsinn. Unsere damalige Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung hat vergeblich versucht, den Verkauf zu stoppen.

Welchen Aufschrei aus der Politik hätten wir uns gewünscht! Wir würden das Krankenhaus gern wieder in kommunaler Hand sehen! Ebenso Gas, Wasser, Strom und auch Gebäude, die kommunal genutzt werden.
In unserem Wahlprogramm fordern wir die Kommunalisierung des Klinikums. Das ist die richtige Antwort. Auch bei Wohnungsbaukonzernen oder bei der GBO (Gemeinnützige Baugesellschaft m.b.H. Offenbach ), da läuft es doch auch richtig. 

Also, liebe Parteien, lenkt Eure Empörung in eine Richtung, die Anerkennung für die Menschen schafft und zieht die richtigen Schlüsse.
Als Piraten in der Stadtverordnetenversammlung werden wir daher eine wertschätzende angemessene Bezahlung der Pflegekräfte und eine Rückführung des Klinikums in die öffentliche Hand fordern.

Bürgernähe für das Mathildenviertel

von Stefan Prinz

Stefan Prinz ist Pirat aus Offenbach und engagiert sich für Bürgerbeteiligung, vor allem im Mathildenviertel, in dem er seit einigen Jahren wohnt. Hier stellt er sich vor: Stefan Prinz

Das Mathildenviertel, früher die „östliche Innenstadt“, hat sich seit seiner Umbenennung zu einer der Offenbacher Visitenkarten entwickelt. Gründe dafür sind sowohl die gut erhaltene historische Gebäudesubstanz als auch bestehende und neue kleine Lokale und Geschäfte, die für Charme sorgen und das Viertel als sehr dicht bebautes Quartier attraktiver machen. Aber es ist auch nicht einfach im Mathildenviertel: Im Vergleich zum Rest von Offenbach haben wir einen überdurchschnittlichen Anteil von Bewohnern im Leistungsbezug aus öffentlichen Quellen.

Trotz der bunten Mischung unserer Bewohner ist bislang eine gemeinsame Gestaltung und Teilhabe am Viertel erst wenig zu beobachten. Hier möchten wir PIRATEN ansetzen:

Erstens wollen wir natürlich die bereits erfolgreich eingeführten Angebote intensivieren, darunter Begegnungsbänke, Foren, Mitmachaktionen und Einbindung lokal präsenter Ansprechpartner. Diese möchten wir als Multiplikatoren für Bürgeraktivitäten gewinnen.

Zweitens möchten wir alle Initiativen stärken, die sich um eine attraktivere Aufenthaltsqualität ihrer unmittelbaren Umgebung kümmern, für alle Altersgruppen. Das Entdecken des eigenen „gemeinsamen Viertels“ bietet sich als Chance an, verbindendes Element zu werden, über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg.

Drittens wollen wir uns dafür einsetzen, dass auch die Stadt die bereits gestarteten Initiativen der Anwohner wohlwollend fördert und mit bestehenden Programmen und Angeboten vernetzt. Wichtig ist uns, dass spontane und informelle Aktionen und Plattformen eine Chance bekommen, ohne viel Bürokratie. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade diese gut funktionieren und angenommen werden.

Herumliegender Müll im Mathildenviertel

Wichtig ist dabei, alle Aktivitäten auf breitere Teile der Bewohnerschaft auszuweiten, um den derzeitigen Status zu überwinden. Eintrittshürden durch Sprachbarrieren oder kulturelle Hindernisse könnten durch die Einbindung von Fürsprechern gesenkt werden. Ziel muss die Stärkung der Identifikation mit dem Viertel sein. Dazu gehöret es auch, kritische Themen anzusprechen, wie achtlos herumgestreuten Müll und zerfleddertes Sperrgut. Lösungen sollten gemeinsam und proaktiv gefunden werden. Als Mittel zur Umsetzung können wir uns mehrsprachige Leitfäden, regelmäßige Kontaktangebote wie Feste, Plattformen und Mitmachaktionen oder Infoplakate vorstellen. Es reicht nicht, nur einmal im Jahr im Mathildenviertel ein Fest zu organisieren. 

Insgesamt gilt es, die Teilhabe aller am unmittelbaren Umfeld zu stärken. Das Miteinander einer gewachsenen und zusammenwachsenden Nachbarschaft ist das Ziel. Das Mathildenviertel als Teil der ausgerufenen ‚Welcome City‘ hat die Chance, eine Nachbarschaft zu werden, in der man bleiben will. Dazu wollen wir die Potenziale seiner Anwohner in ihrer ganzen Vielfalt nutzen und fördern.

Für ein gutes Leben im Senefelder-Quartier

von Lars Flagg

Lars Flagg ist Offenbacher Pirat und wohnt seit einigen Jahren im Senefelder Quartier. Er interessiert sich für die Lebensqualität in unserer Stadt und möchte sich für Verbesserungen in seinem Quartier engagieren.

Das Senefelder-Quartier steht seit dem Wegzug von MAN-Roland vor einem gewaltigen Umbruch: Ein ehemaliges Offenbacher Industrieviertel verwandelte sich nach und nach in ein Wohnquartier. Jahrelang war für dieses Viertel keine Infrastruktur vorgesehen gewesen. 

Mit der Bebauung des alten Produktions-Geländes (Offset Faber und Schleicher Druckmaschinen-AG) ist es zu einem deutlichen Einwohnerwachstum gekommen, und ein weiterer Offenbacher Stadtteil wurde für Offenbacher und Zuzügler zunehmend attraktiv. 

Leider entstehen dadurch, insbesondere in den Sommermonaten, im Roland-Park Probleme infolge der Verdichtung von Bewohnern und Bebauung. Diese werden noch deutlich zunehmen, wenn auch die Gustavhöfe und das Postareal bebaut werden; wir befürchten, dass noch weitere Flächen hinzukommen, zb. Die Gustavstraße 12. Erwachsene können gut in einer solchen Umgebung leben, für Kinder und Jugendliche ist das schwierig, denn sie haben kaum Rückzugsorte, wo sie unter sich bleiben können. Was ist zu tun? 

Die kaum genutzte obere Etage des Parkhauses sollte einer sinnvollen Verwendung zugeführt werden. Mit dem Eigentümer sind dafür Verhandlungen anzustreben. Genutzt als „Anwohnerparkhaus“ würde es belebt und ungewollten Nutzungen entzogen werden. 

Das Obergeschoss der Roland Passage steht zurzeit leer, aber es bietet sich an, als Raum für sinnvolle Jugendaktivitäten genutzt zu werden. Auch hier sind Gespräche mit dem Eigentümer zu führen. Auch der seit Jahren geschlossene Penny-Markt in der Schäferstraße könnte hierfür Möglichkeiten bieten.Der gut genutzte Rolandpark braucht eine öffentliche Toilette. Die Stadt sollte nach dem Modell der selbstreinigenden Toilette am Marktplatz/Busbahnhof eine solche auch dort aufstellen lassen, und zwar kostenfrei. Finanziert werden könnte diese durch die angebrachte Werbung.

Die Hochbeete im Rolandpark sollten wieder aktiviert werden. Hier bieten wir unsere Hilfe an, und im Frühjahr hätten wir Material zum Bepflanzen. 

Für ein gutes Leben im Senefelder Quartier,ohne Zäune! Machen wir es möglich!

Der Basar der Jobsuchenden

Hier kommt eine kleine Geschichte aus dem derzeitigen prallen Leben. So widerfahren einem Offenbacher in diesen Tagen, die nicht nur coronageprägt, aber sicher eine dumme Zeit sind, um nach Arbeit suchen zu müssen. Uns Piraten ist die Problematik bewußt und wir erleben sie jeden Tag auch hautnah mit.

Carl Henrik Eriksen berichtet.

Der Basar der Jobsuchenden
von Carl Henrik Eriksen

Jobsuche in Zeiten von Corona. Während draussen die Pandemie grassiert, war ich neulich bei einem Vorstellungsgespräch für einen Job im Luftfahrtbereich. Was ich da erlebt habe, das war etwas, dass ich so überhaupt nicht vermutet hatte. Viel zu schade, um es hier nicht zu teilen.

Ich dachte, das Vorstellungsgespräch würde in einem persönlichen Rahmen stattfinden. So wie man sich eben ein Vorstellungsgespräch vorstellt, zu dem man eingeladen wurde. Der Bewerber kommt, mit ordentlichem Haarschnitt und ordentlicher Geschäftskleidung, und wird von seinem Gesprächspartner empfangen. Wie konnte ich mich doch irren. Da stand ich nun mit meiner Aktentasche. Ich und mit mir etwa 40 weitere Bewerber wurden zum selben Termin eingeladen. Nach dem Warten in einer Cafeteria wurden alle in eine Halle geführt. Die Rolltore waren wegen der Lüftung geöffnet und das Hygienekonzept war soweit einwandfrei eingehalten.

Zunächst wurde eine kurze Präsentation durch die Geschäftsführerin gehalten. Unter den Teilnehmern waren viele ausländische Menschen, die nach Arbeit suchten und hofften einen Job für sich und ihre Familie zu ergattern. Angeboten wurde Arbeit in Festanstellung bei der Firma, die am Flughafen Frankfurt in den Bereichen Luftfracht, Sicherheit und Dokumentation als Dienstleister arbeitet.

Es wurden auch die Rahmenbedingungen für die Jobs ausführlich erläutert: befristeter Arbeitsvertrag (1 Jahr, Möglichkeit zur Entfristung, also glänzende Perspektiven), sechs Monate Probezeit, Schichtarbeit (Früh, Spät, Nacht), 22 Schichten im Monat, Zuschläge für Nacht-, Sonntags-, Feiertagsarbeit und Überstunden (darf ein Unternehmen ja anordnen), Jobticket (auch privat nutzbar) für die Fahrt zum Arbeitsplatz am Flughafen.

Während der Präsentation sprach die Geschäftsführerin im entspannten Ton über die Deutschen als „Kartoffeln“. „Sie wissen ja, wie das hier bei uns Kartoffeln ist“. Vielleicht wollte die Managerin einen kleinen Witz machen für die anwesenden Ausländer. Ich fand den Schenkelklopfer nicht so lustig, sondern diskriminierend. Hinzukam dieses unangehme Fremdschämen.

Am liebsten hätte die Geschäftsführerin die Bewerber gleich zur Spätschicht zum Flughafen geschickt. „Aber da wären ja noch die Formalien, die eben in Deutschland existieren“. Nach der Präsentation gab es dann also doch persönliche Einzelgespräche, die an zwei kleinen Tischen, 2 m voneinander getrennt, unter dem geöffneten Rolltor im herbstlichem Luftzug stattfanden. Die Bewerber standen in einer Schlange an und konnten mithören, was jeweils mit dem jeweiligen Bewerber vor ihnen besprochen wurde. Zukünftige Kollegen haben doch voreinander nichts zu verbergen. Der Datenschutz schien sich jedenfalls beim Corona-Stoßlüften irgendwie mit verabschiedet zu haben.

Die Bewerber konnten sich für einen Job aus den drei präsentierten Bereichen entscheiden. Bei Eignung, die durch die Mitarbeiterinnen der Human-Resources-Abteilung des Unternehmens in einer Art Schnellverfahren entschieden wurde, wurde den arbeitslosen Bewerbern erklärt, dass sie beim Arbeitsamt einen Bildungsgutschein beantragen könnten. Mit diesem könnte dann ein Kurs belegt werden, um die erforderliche Vor-Qualifizierung, die für einen Job am Flughafen notwendig sei, erworben werden. Das war schon ganz interessant, denn die Firma bietet praktischerweise auch solche Kurse zur Qualifizierung an, so dass man nicht weit laufen musste.

Irgendwann war ich dann an der Reihe. Beim Einzelgespräch am Tisch habe ich der Dame von Human Resources gesagt, dass ich etwas ganz anderes erwartet hätte, nämlich ein doch mehr persönliches Vorstellungsgespräch, in dem meine Qualifikationen und die ausgeschriebene Position erörtert würden. Auch hätte ich die Einhaltung des persönlichen Datenschutzes erwartet, was irgendwie nur sehr schwer einzuhalten gewesen war, wenn hinter einem die nächsten Bewerber stünden.

Die Dame sagte, sie könne das verstehen und dass sie meine Bewerbung noch mal der Geschäftsführung vorlegen und dass sie sich in der nächsten Woche bei mir melden werde. „Ihren Lebenslauf haben wir ja, richtig?“

Anscheinend hatte die Firma meinen Lebenslauf noch gar nicht gelesen.

Nach der Veranstaltung habe ich mich an der Bushaltestelle mit einem anderen Bewerber unterhalten.

„Na, das ist wohl auch nichts für Sie gewesen“, meinte der Mitbewerber, der sich auf eine Stellenausschreibung als kaufmännischer Sachbearbeiter beworben hatte.

„Nun ja“, antwortete ich, „ich gebe Ihnen Recht. Meinen Job wähle ich auch nicht gerne auf einem Basar aus.“

Jetzt, zwei Wochen nach meinem Termin, warte ich selbstverständlich immer noch auf eine Antwort des Unternehmens. In den diversen Jobportalen habe ich die ausgeschriebene Stelle erneut gefunden. Jetzt inseriert das Unternehmen unter dem Namen ihrer Holding, die unter der selben Adresse firmiert.

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Arbeitsbedingungen von Arbeitsmigranten verhindern Integration

von Magda Cichy

Magda Cichy ist Offenbacherin, stammt aus Polen und unterrichtet seit 20 Jahren Deutsch als Fremdsprache in Offenbach. Sie wird auf unserer Liste für die Ausländerbeiratswahlen am 14. März 2021 kandidieren. Den Spracherwerb hält sie für die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration. In diesem Beitrag erläutert sie Schwierigkeiten, die sehr viele Arbeitsmigranten haben und die vielen Offenbachern und Offenbacherinnen gar nicht bewusst sind.

58,5 der Offenbacher Nichtdeutschen sind EU- Ausländer, 7,5 % kommen aus Polen Die meisten von ihnen sind in den letzten Jahren aus ökonomischen Gründen nach Deutschland gekommen. [Statistik der Stadt Offenbach] Laut Gesetz dürfen sich in Deutschland nur die EU-Ausländer dauerhaft aufhalten, die einer beruflichen Tätigkeit  nachgehen, bzw. ihre Familienmitglieder (Familienzusammenführung).

Die Männer arbeiten meistens in der Baubranche, als LKW- Fahrer  oder als Möbelschlepper, die Frauen sind überwiegend in Pflegeberufen oder als Reinigungskräfte beschäftigt. Angeworben werden sie oft in Polen über Facebook. Die anwerbenden Firmen werden oft ebenfalls von Polen geleitet oder haben polnische Vorarbeiter, die als Dolmetscher fungieren. Oft stellt der Arbeitgeber eine Unterkunft zur Verfügung. Es handelt sich um Sammelunterkünfte, in denen 2-3 Personen in einem Zimmer untergebracht werden. Dafür werden 250 bis 300 € vom Gehalt abgezogen. Die meisten dieser Arbeitsmigranten beherrschen weder Deutsch, noch haben sie irgendwelche Kenntnisse des deutschen Arbeitsrechts. Dies wird auf eine schamlose Weise von den Arbeitgebern ausgenutzt. Überstunden werden oft nicht bezahlt, Lohnabrechnungen sind nicht korrekt usw. Bezahlt wird meistens der Mindestlohn. Oft werden die Arbeitsverträge in den Heimatländer abgeschlossen, die Mitarbeiter werden dann für drei Monate nach Deutschland geschickt, was als Dienstreise bezeichnet wird. Auf diese Weise werden die Sozialabgaben in Deutschland umgegangen.

Leider haben diese Personen keine Chance, ihre Situation zu verbessern, denn dazu müssten sie Sprachkenntnisse erwerben. Da die meisten von morgens bis abends arbeiten, oft in Schichtarbeit, haben sie keine Möglichkeit einen Deutschkurs zu besuchen. Theoretisch steht ihnen ein vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge teilfinanzierter Integrationskurs zu. Kosten: 400,00 € pro 100 Unterrichtseinheiten, Dauer: 600 Unterrichtseinheiten.

Praktisch ist der Besuch eines Integrationskurses jedoch nicht möglich. Zum einen erlaubt es ihnen die Arbeitssituation nicht, zum anderen werden Teilzeitkurse am Abend oder an den Wochenenden von den Bildungsträgern nicht angeboten. Die hohe Abbruchquote aufgrund der prekären Arbeits- und Lebensbelastungen sowie finanziellen Gründe machen solche Kurse für die Träger unattraktiv. Hinzu kommt ein hoher bürokratischer Aufwand, der genauso hoch ist wie bei Vollzeitkursen.

Viele Arbeitgeber unterstützen ihre Mitarbeiter beim Deutschlernen nicht, denn es ist für sie unerwünscht, dass diese mündiger werden. Eine Freistellung von der Arbeit für einen Deutschkurs, z. B. an zwei Nachmittagen, kommt für die Arbeitgeber in der Regel nicht infrage. 

Da es sich oft um qualifizierte Personen handelt, deren Berufsausbildungen hier nicht anerkannt werden, wenn sie nicht mindestens über Deutschkenntnisse auf dem B1-Niveau verfügen, geht somit viel Potenzial dabei verloren. So arbeiten viele ausgebildete Krankenschwestern in Pflegediensten als Pflegehelferinnen, weil Ihre Ausbildung nicht anerkannt wird. Sie benötigen für ihre Anerkennung B1-Deutschkenntnisse mit Pflegewortschatz.. Meistens umfasst die Arbeit 12-Stunden-Wechelschichten (07:00 bis 19:00 Uhr oder 19:00 bis 07:00 Uhr). Da kommen ausserdem weder Vormittags- noch Nachmittagskurse infrage.

Auch in der Branche gibt es keine Chance auf Unterstützung durch die Arbeitgeber. So arbeiten in Deutschland viele ausgebildete Kräfte weit unter ihren Möglichkeiten in prekären Verhältnissen und bezahlen Steuern, von denen teilweise Deutschkurse finanziert werden für Personen, die nicht berufstätig sind.

Da ich selbst aus Polen komme und meinen Landsleuten oft beratend zur Seite stehe, ist mir ihre Situation bekannt. Es betrifft jedoch gleichermaßen Mitbürgerinnen aus Rumänien, Kroatien, Bulgarien, Griechenland und Serbien. Wenn man jedoch bedenkt, wie viele Menschen aus den oben genannten Ländern in Offenbach leben, merkt man schnell, dass es  sich um eine sehr große Gruppe von EU-Mitbürgern handelt.

Den meisten Leuten ist diese prekäre und auch auswegslose Situation ihrer Mitbürger und Mitbürgerinnnen nicht bewusst.

Wir wollen uns darum bemühen, die Situation unserer Mitmenschen zu verbessern. Es ist wichtig, zu verstehen, wie diese Situation entstanden ist und welche Interessen dabei eine Rolle spielen. Die Stadt darf nicht wegschauen, sondern sollte mit den Betroffenen reden, um zu verstehen, welche Maßnahmen die Situation verbessern könnten.

Offenbach eine Zeltunterkunft für Flüchtlinge / Bürgerversammlung am kommenden Freitag

Aufgrund der weiter ansteigenden Flüchtlingszahlen richtet das Land Hessen bis zum kommenden Wochenende eine temporäre Unterkunft für asylsuchende Personen in der Stadt Offenbach am Main für bis zu 450 Menschen ein. Geplant ist, wie der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner heute in Wiesbaden informiert hat, eine Unterbringung in Zelten auf der knapp 10.000 Quadratmeter großen Fläche „Im Eschig“ an der Mühlheimer Straße. Das Grundstück befindet sich an einem überwiegend von Gewerbe geprägten Standort, ist in städtischem Besitz und verfügt bereits über die notwendige Infrastruktur wie Strom-, Wasser- und Abwasserversorgung. Der Betrieb der Einrichtung liegt in der Verantwortung des Landes Hessen und wird vom Regierungspräsidium Darmstadt organisiert. Das Land hat bereits zugesagt, sämtliche bei der Stadt Offenbach anfallende Kosten zu übernehmen.

Bereits in den vergangenen Tagen sind zahlreiche E-Mails mit der Absicht helfen zu wollen im Rathaus eingegangen. Da ein großer Informationsbedarf nicht nur unter den Akteuren, sondern auch in der Bevölkerung besteht, lädt die Stadt Offenbach bereits für kommenden Freitag, 4. September, 17 Uhr zu einer Bürgerversammlung in die Gemeinde Heilig Kreuz (Am Wiesengrund 40) in Waldheim ein. Außerdem ist bereits ab Mittwoch, 2. September, ein Bürgertelefon der Stadt unter der Rufnummer 069 840004-375 eingerichtet, an das sich Bürgerinnen und Bürger montags bis freitags von 7 bis 18 Uhr mit Fragen und Unterstützungsangeboten wenden können. Alternativ steht die E-Mail-Adresse fluechtlingshilfe@offenbach.de zur Verfügung. Weitere Informationen zum Thema gibt es im Internet auf www.offenbach.de/fluechtlinge.

Der Hessische Sozialminister ergänzte: „Wir unterstützen von Seiten des Landes die Städte und Gemeinden zuverlässig und mit großem Engagement. Wir haben als Land bereits viel geleistet, indem wir im Rahmen des Maßnahmenpaketes Asyl aus dem September 2014 in nur wenigen Monaten neue Liegenschaften für Unterbringungen finden und belegungsbereit machen konnten. Dazu zählen Neustadt (seit Mai belegt), Rotenburg (Belegung seit August), Büdingen (Belegung im Herbst), Kassel-Niederzwehren, Hanau, Fulda und etwa 80 weitere Standorte, die in Hessen in Prüfung sind. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass es nicht einfach ist, geeignete Gebäude zu finden. Und nach der neuen Prognose müssen wir etwa 58.000 Menschen unterbringen. Dafür werden wir mit aller Kraft alles tun. Bis zum Winter wollen wir 13.000 neue Plätze geschaffen haben. Wir werden in Kasernen unterbringen, und wollen auch Containerlösungen, Traglufthallen oder Holzhausbauweisen nutzen.“ (hlwa)